Presse Folge 3 zu 'Hugo Wolf. Leben und Werk'

Süddeutsche Zeitung 22.02.03 Wolfgang Schreiber
Frankfurter Allgemeine Zeitung 21.02.03 Gerhard R. Koch
Die Welt 22.02.03 Manuel Brug

weitere Presse: Folge 1, Folge 2

Süddeutsche Zeitung vom 22./23. Februar 2003

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. Februar 2003

Sein Leben in h-Moll

Dietrich Fischer-Dieskau porträtiert tonvoll Hugo Wolf

Dietrich Fischer-Dieskau hat für seine Hugo-Wolf-Monographie die Meßlatte selber sehr hoch gelegt. Im Vorwort zu Kurt Honolkas Wolf-Buch (1988) hieß es: "Sich beschreibend auf Hugo Wolf einzulassen, birgt mancherlei Risiken in sich. Denn zu seiner Lebenszeit und mit seiner Lebensleistung sind wir längst aus jenem Raum vertrieben, in dem sich, Mozarts oder Schubert Verfahren ähnlich, Werk an Werk in sicherer Folge reihen konnte." Nun läßt sich durchaus rätseln, was "Mozarts oder Schuberts Verfahren" war, und ob sie wirklich "Werk an Werk in sicherer Folge reihen" konnten. Aber daß Wolf ein schwieriges, riskantes Thema ist, sei unbestritten.

Fischer-Dieskau, zum Ende seiner Sängerkarriere mehr und mehr zum Buchautor geworden, hat sich nach Schubert, Schumann und Debussy nun zum hundertsten Todestag Hugo Wolfs auch diesem Komponisten zugewandt und aufs neue den Brückenschlag zwischen Empathie und Akribie versucht. Daß Fischer-Dieskau für die Wolf-Rezeption Eminentes geleistet hat, steht außer Frage. Gehörten Schubert, Schumann und Brahms schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts international zum Standard-Repertoire, so bedurfte es seiner - und Elisabeth Schwarzkopfs - Autorität, um reine Wolf-Programme auch in England, Frankreich und Amerika "durchzusetzen". Fischer-Dieskaus immense Vertrautheit mit Wolf und seine fast missionarische Begeisterungsfähigkeit tragen denn auch das Buch in nicht geringem Maße.

Doch ähnlich wie bei Debussy möchte der Autor nicht im Subjektivismus verharren, sondern ein richtig "gediegenes" Werk vorlegen, künstlerisch spontane Einfühlung durch historiographische Objektivierung in schier exemplarische Abstraktion überhöhen. Dazu gehört auch die traditionell obligate Aufteilung in "Leben" und "Werk". Wobei Fischer-Dieskau immerhin so weit die Trennung aufhebt, daß sich das Werk auf die "großen Liedfolgen" beschränkt, während d-Moll-Quartett, die symphonische Dichtung "Penthesilea" und die Oper "Der Corregidor" in die biographische Darstellung verwoben werden.

Dies erscheint sinnvoll, weil sowohl die autobiographisch- psychologisierenden als auch die lebenskatastrophischen Aspekte dieser drei Werke mehr von der empirischen Person des Komponisten verraten als die stärker objektivierten Lied-Zyklen. Aufschlußreich ist da Fischer- Dieskaus Anmerkung, der "Penthesilea"-Geschlechterkampf würde sublimer in den Mann-Frau-Antagonismen im "Spanischen" wie "Italienischen Liederbuch" fortgeführt. Wo der Autor sich auf ästhetische Fragen konzentriert, vermag er zu überzeugen.

Heikler ist die chronologische Darstellung, bei der sich Fischer-Dieskau nicht wenig in der Detail-Auffädelung erschöpft. So beeindruckend wie auch ermüdend werden Lebensstationen und -umstände geschildert. Zwar kann er dabei erstmals auf den Nachlaß Walter Legges zurückgreifen, doch neuartige Erkenntnisse kann er ihm nicht abgewinnen. Und immer, wenn er triftigere Ansichten entwickeln könnte, führt ihn die Angst vor der eigenen Courage in die Sicherheit des Zettelkastens zurück.

In der Beschreibung der großen Lied-Zyklen beeindruckt Fischer-Dieskaus enthusiastische Kennerschaft, die gleichwohl mittlere Distanz hält, kaum wirklich analytisch vorgeht, trotzdem seltsam im toten Winkel steckt: Warum er sich so für die Kritiker-Malträtierung in Mörikes "Abschied" erwärmen kann, bleibt unerfindlich. In Einleitung wie Abschluß findet sich ein kulturpessimistischer Ton: Ausgerechnet der große Sänger, der so viele grandiose Novitäten bewegend lanciert hat, bezweifelt, daß nach Wolf noch ernst zu nehmende Lieder komponiert worden seien.

Man hätte dem Buch eine schärferes Lektorat gewünscht. Formulierungen wie "Grenzgebiet, in dem sich deutsches und slowenisches Blut mischten", liest man nicht ohne Beklemmung. Nicht selten findet sich auch der "hohe" Ton des deutschen Bildungsbürgertums, dem Fischer-Dieskau entstammt. Dem wiederum entsprechen Bürokratismen wie "führte ich zahlreiche Wolf-Abende durch": Kleinigkeiten, die die Qualitäten dieses von erheblicher Identifikationsbereitschaft getragenen Buchs trüben.

GERHARD R. KOCH Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main


Die Welt vom 22.02.03

Schläft ein Lied in kleinen Dingen

Er wird wieder keiner von uns werden: Zum 100. Todestag des lange verkannten Komponisten Hugo Wolf

Zu deutsch. Zu querständig. Zu schwierig. Auch zum heutigen 100. Todestag wird es, während Deutschland anderen Superstars hinterher hechelt, keine echte Anstrengungen mehr geben, ihn zu einem von uns zu machen. Warum auch? Hugo Wolf, Meister der kleinen Form, Innovator, für viele Vollender, der intimen, so konzentrationsfordernden, deshalb so lange nachhallenden Kunst des Lieds, deren schönste Beiträge von Deutschen und Österreichern, von Schubert, Schumann, Brahms, Mahler, Strauss komponiert wurden, er wollte akzeptiert werden, bewundert auch, aber mit der Breitenwirkung, wie sie sein Hausgott Richard Wagner erfuhr, hat er nicht wirklich gerechnet. Was ihn, den nur 1,54 Meter großen Autodidakten aus kleinsten steiermärkischen Verhältnissen, nicht daran hinderte, gegen alle Konformisten zu toben. Der Neid, sehr deutsch.

Hugo Wolf, am 13. März 1860 im heute slowenischen Windischgrätz geboren, ist kaum über seinen bereits vom 15-Jährigen erwählten Wiener Lebensraum hinausgekommen. Ein freiwilliges Exil nach Innen, auch den kaum beschreib-, geschweige denn vorstellbaren Verhältnissen geschuldet, in denen ein „freier“ Künstler, noch dazu ein wenig erfolgreicher, seine Existenz in der bürgerlichen Boomtown fristete. Mit dem Studienkollegen Gustav Mahler hat er zeitweise sogar ein Bett geteilt; später hat man sich im Streit entzweit, als der umstrittene, aber als Operndirektor wie als Saisonkomponist reüssierende Mahler Wolfs Oper „Der Corregidor“ nicht zur Aufführung annehmen wollte.

Hugo Wolf hat sich alles selbst vermasselt. Schüler hat er weg gejagt, Frauen in die Flucht geschlagen, Gönner düpiert. Und sich zudem mit 18 Jahren bei den nicht nur süßen Mädeln in der berüchtigten „Lehmgruben“ die Syphilis geholt. Das verkauzt misogyne, vom antisemitischen Grundton der Zeit durchaus infizierte Genie, nur seiner selbst gesuchten Sendung folgend, himmelhoch jauchzend im Funkenflug göttlicher Inspiration, zu Tode betrübt in (häufigeren) Phasen der Depression, schließlich vom Wahnsinn der Geschlechtskrankheit zerfressen seine letzten fünf Jahre bis zum Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof im Irrenhaus verbringend – eine Figur wie aus einem Roman. Kein Wunder, dass sich bei diesem komponierenden Schmerzensmann auch Thomas Mann bediente, als er seinen von der Hetäre Esmeralda infizierten Adrian Leverkühn zum „Doktor Faustus“ meißelte.

Und doch entzücken bei Hugo Wolf die längst sprichwörtlich gewordenen „kleinen Dingen“ – lässt man sich auf die immens dichte Form ein, die kaum trennbare Einheit von Wort und Ton, wo nicht Melodik, noch Harmonik, weder Rhythmus noch Bedeutungsgehalt autonom regieren, sondern alles im ungeheuer fortschrittlichen Einen. Wobei Wolf Zeitgenossen inspirierten. Gut, 44 bzw. 46 Gedichte und Nachdichtungen von Heyse und Geibel formte er zu seinen berühmtesten Zyklen, den gar nicht so viel südliche Glut atmenden Spanischen und Italienischen Liederbüchern. Dem stehen die zu großen Teilen in dem Schaffensrausch der Jahre 1888 bis 1892 herausgeschleuderten Lied-Gruppen nach Mörike, Goethe, Eichendorff, Lenau, Keller, Heine und der frösteln machende Schwanengesang der Michelangelo-Gesänge gegenüber.

Was also bleibt? Neben einem Streichquartett und der sinfonischen Dichtung „Penthesilea“ dieses mehr als 300-fache Ringen um die Form als Gesamtkunstwerk in seiner kleinsten Liedzelle. Ein tönendes Erbe gestrenger Wolf-Anverwandlungen für so überdisziplinierte Sänger wie Elisabeth Schwarzkopf und Dietrich Fischer-Dieskau, wie sie jetzt in einer EMI-Box (5 62188 2) zusammengefasst wurden. Auch die für die Wolf-Rezeption so wichtige Sammlung von Interpretationen der Hugo Wolf Society, die Walter Legge 1931 bis 1938 besorgte, ist zum Glück noch lieferbar (EMI 566640 2 9).

Zum 100. Todestag hat Dietrich Fischer-Dieskau ein sehr schönes, warmherziges Buch über den von ihm Hochgeschätzten verfasst („Hugo Wolf. Leben und Werk“. Henschel, Berlin. 560 S., 40 Euro). Darin heißt es untypisch gefühlvoll: „Ich möchte auf die Bedeutung eines wieder dem Gedächtnis entschwundenen Werkes und zugleich auf die Leiden eines Menschen hindeuten, dessen Leben ein einziger Weg des Opfers war, des Opfers um der Sache, um der Kunst willen.“ Sehr deutsch, auch das.

Manuel Brug

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