Zum Liederabend am 1. Mai 1969 in Bremen


Bremer Nachrichten, 3. Mai 1969 

Fischer-Dieskau in der "Glocke" begeistert gefeiert

Lieder nach Goethe-Texten

Ein Liederabend mit Dietrich Fischer-Dieskau und Günther Weißenborn ist immer ein geistiges und ein musikalisches Erlebnis. Beide haben im Laufe nun schon langen Zusammenwirkens zu einem Überein im Künstlerischen gefunden, das man als mehr als nur eine Partnerschaft zwischen dem Sänger und seinem Begleiter empfindet, nämlich als eine tiefe musikalische Verbundenheit in der vokalen und der instrumentalen Bewältigung der Aufgabe, die die Gestaltung eines Liedes als eines zugleich wort- und tonkünstlerischen Mikrokosmos bedeutet.

Man hat dem Sänger Dietrich Fischer-Dieskau oft eine hellwache und subtile Einfühlung in die geistige und von der Empfindung bestimmte Substanz der einzelnen lyrischen Gebilde seiner Liedfolgen nachgerühmt, hat festgestellt, mit welcher Souveränität er diese darzustellen und zu vergegenwärtigen weiß. Mit überlegener Meisterschaft im Einsatz seiner hervorragenden stimmlichen Mittel, die unerschöpflich scheinen an dynamischer Spannweite und differenzierter Klang- und Farbgebung. Dazu mit faszinierender, aber nie aufdringlicher oder selbstzwecklicher sängerischer Hingabe an die kunstfrische Gestaltung, von der Durchformung der melodischen Linearität über musikalisch überzeugende, expressiv gerichtete Phrasierung bis zu der durch prononcierte Behandlung vor allem der Vokale plastischen Textdarbietung.

Man spürt, daß Dietrich Fischer-Dieskau dabei zu allem Konzipierten der Interpretation immer noch ein unmittelbares Nuancieren aus dem Augenblick heraus einzusetzen weiß. Er darf das wagen, weil er in Günther Weißenborn eine künstlerische Begleiterpersönlichkeit neben sich hat, die die spontanen Intentionen des Sängers nahezu vorauszuahnen scheint, so daß jede Lieddarbietung beider den Hörer wie ein erfülltes Gesamtkunstwerk anspricht.

Im zehnten Meisterkonzert brachten Fischer-Dieskau und Weißenborn Lieder nach Gedichten von Goethe, eine feinsinnige Auslese aus der Fülle der Vertonungen und musikalischen Nachdichtungen Goethescher Lyrik. Natürlich standen im Mittelpunkt mit kleinen Gruppen Schubert, Schumann und Wolf als die drei exemplarischen Meister der Goethe-Vertonung und Schuberts "An den Mond" und "Erlkönig", Schumanns drei aufgeräumte Stücke auf Metaphern aus dem "Westöstlichen Divan" und Wolfs "Wanderers Nachtlied", "Anakreons Grab" und "Rattenfänger" wurden zu Höhepunkten.

Aber schon der Beginn mit Beispielen früher Goethe-Vertonungen der Herzogin Anna Amalia, von Reichardt und Zelter brachte delikate Eindrücke in geschmackvoll unverbindlichem Singspielton. Und mit Richard Strauss’ "Gefunden" (op. 56), Othmar Schoecks versponnenem "Dämmrung senkte sich von oben" (op. 19), Max Regers zergrübeltem "Einsamkeit" (op. 75) und Ferrucio Busonis geistreich burleskem "Zigeunerlied" (op. 55) kam die nachromantische tonkünstlerische Goethe-Lyrik repräsentativ und einprägsam zur Geltung.

Im ausverkauften großen Glockensaal wuchsen Dank und Begeisterung des Publikums schnell zu enthusiastischem Beifall für jede Liedgruppe, und nach Schluß des Programms mußten Fischer-Dieskau und Weißenborn fast noch eine halbe Stunde zugeben.

Fritz Piersig

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