Zum Konzert am 2. Juni 1974 in Landau


    

     Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juni 1974     

Uraufführung zum Jubiläum

Reimanns "Wolkenloses Christfest" im 700jährigen Landau

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Im Mittelpunkt des "Gala-Abschlußkonzerts", das die offiziellen Jubiläumstage (mit dem Festakt) beendete, stand die Uraufführung eines Kompositionsauftrags, der sich durch die Konzentration hervorragender Künstler wie durch die Wahl des Sujets von gängigen Lösungen wohltuend abhob: Hans Zender leitete die Uraufführung von Aribert Reimanns Requiem "Wolkenloses Christfest", das der Berliner Komponist den beiden Solisten Dietrich Fischer-Dieskau und Siegfried Palm gewidmet hatte. Reimann wählt vier Gedichte aus der Sammlung "Sichel versäumter Stunden" des 1970 gestorbenen Otfried Büthe. Nur einige wissen, daß der Kunst- und Theaterwissenschaftler - Büthe war Dramaturg am Frankfurter Schauspiel, später Leiter der Musik- und Theaterabteilung der Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek - auch Lyriker von Rang war. Der ungemein dichte Gehalt der Verszeilen macht den Zugang nicht leicht. Mit eigenwilliger Symbolkraft erfassen sie die Spannung zwischen Leben und Tod in immer neuen Sprachbildern. Am Ende des "Requiem" benannten Gedichts steigt der Hoffnungsschimmer einer neuen Welt aus trostloser Verzweiflung. Reimann wird der Bedeutung dieser Stelle gerecht: Aus der brutal-geräuschhaften Umgebung des Orchesters entfaltet sich erstmals aus kleinen Keimen in immer längeren Aufschwüngen eine Art Melodie, getragen von den zehn Bratschen.

Ein zweites charakteristisches Beispiel: das Stichwort "Napalm" löst die alptraumartige Vision eines Bombardements aus; ein infernalisches Orchestertutti im äußersten Fortissimo. Sonst dominieren zart-verhaltene Töne, eher angemessen für diese Dichtung - sofern man ihre "Vertonung" überhaupt akzeptieren mag.

Das gut halbstündige Werk erhält bestimmendes Gepräge durch die enge Verknüpfung von Solo-Bariton und Solo-Cello. Reimann verzichtet weitgehend auf Virtuosität, zu der die stupende Technik Palms sonst viele Komponisten verlockt. Er bevorzugt kantable Linien, oft in extremer Höhenlage. Die vielfältigen Duette stellen besonders auch an die Intonation hohe Ansprüche, die hier souverän gemeistert wurden. Die Vokalpartie entwickelt sich aus syllabischem Psalmodieren bis zu manierierter Melismatik. Dietrich Fischer-Dieskau setzt die ganze Skala seiner Technik ein: schwebende Kopftöne für die auffliegenden Endungen, Belcanto-Verschleifungen der Worte und hartes Stakkato bis zum tonlosen Verhauchen des Schlusses, umsponnen vom abwärts sinkenden Klangband des Cellos. Das Orchester - ohne Geigen und Celli, mit starkem Blech und Schlagzeug - breitet vielfach dunkel getönte Klangteppiche aus. Hans Zender zeigte gutes Einvernehmen mit den Musikern des Saarbrücker Rundfunk-Sinfonieorchesters, auch in den Rahmenwerken von Beethoven (Coriolan-Ouvertüre) und Schumann (Sinfonie Nr. 1). Der reiche Beifall des verständnisvoll wirkenden Publikums galt neben den Solisten auch Reimann.

Gerhard Schroth

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     Süddeutsche Zeitung, 6. Juni 1974     

"Atemlos singt noch mein Mund..."

Uraufführung des Requiems von Aribert Reimann in Landau

    

Die kulturell ambitionierte Stadt Landau in der Pfalz bestellte sich zur Feier ihres 700jährigen Bestehens nicht nur ein symphonisches Konzert mit Beethoven und Schumann beim Saarländischen Rundfunkorchester, sondern eine neue Komposition von Aribert Reimann. Er schrieb auf Texte des jung verstorbenen, aus Darmstadt stammenden früheren Frankfurter Dramaturgen Otfried Büthe ein Requiem unter dem Titel "Wolkenloses Christfest". Diese Überschrift, vom zentralen Büthe-Gedicht übernommen, stimmt nur äußerlich mit dem Uraufführungsdatum, dem Pfingstfest, überein: Text und Vertonung enthalten einen eher antikirchlichen, jedenfalls einen kritischen Aspekt, der freilich von einer so dichten Poetik getragen wird, daß man die anklägerischen Akzente gemildert erfährt.

Kompositorisch wechselt Reimann von einer Esoterik irisierender Klangfarben und der auf äußerste Konzentration (auch der Mittel) bedachten Melodik zu hart-deftiger Eruption eines schlagzeugreichen und blechbläserscharfen Orchesters, wie man sie bei Reimann bislang nicht für möglich hielt. Neben flirrenden Klangflächen nach Art seiner "Melusine" finden wir also dramatische Passagen, deren Klangintensität eine Spur zu ausgedehnt im fast stehenden Klangbild erscheint. Sie kontrastieren indes sinnvoll gegen die filigranen Differenzierungen der leisen, lyrischen, schönen Partien mit einem schillernden Klangschleier, der stellenweise vierteltönig aufgesplittert ist.

Entscheidend für die Wirkung des halbstündigen Werkes ist ein "nach innen" gekehrter Ausdruck der Melodik, oft nur in Sekundschritten, in lang gehaltenen Tönen. Dunkle Farben herrschten vor, in Varianten, die von den verwandten Stimmlagen her phantasiereich entfaltet werden: wie bei den Streichern des Orchesters lediglich Bratschen und Kontrabässe gewählt wurden, so solistisch die Baritonstimme und das Violoncello. Schlagzeug und Bläser bringen Helligkeit, wenn auch zumeist in aggressiven Formulierungen hinzu.

Es gibt ein beklemmendes Zwischenspiel von zehn Bratschen. Hier wird man gelegentlich an Bergs "Wozzeck" erinnert, begegnet aber insgesamt einer so geschlossen-komprimierten Arbeit, daß man von Reimanns bisher überzeugendster Konzertkomposition sprechen möchte, jedenfalls von einem Werk, das man nicht vergißt, hat man es einmal gehört. Erschütterung löst im Teil "Liebende" der Schluß des "Atemlos singt noch mein Mund in dir" aus. Legitime Ergriffenheit am Ende des Werkes, beim Text: "Herr, lehre uns heimkehren für immer, wissend, wie elend wir sterben, damit das Kind Frieden behält in matris gremio, vergib unsere Schuld, wir sind gnadenlos gegen uns und andere, dona nobis pacem".

Dietrich Fischer-Dieskau (mit bewegend schlichtem Ausdruck, mit geistiger Durchdringung der anspruchsvollen Baritonpartie) und Siegfried Palm (die starken Farben des Solo-Violoncellos dicht und expressiv formend), das hervorragend gearbeitete Orchester des Saarländischen Rundfunks und der markant präzis dirigierende Hans Zender boten eine maßstab-eichende Wiedergabe. Das Publikum war sehr beeindruckt. Das Werk möchte man häufiger hören.

W. - E. von Lewinski

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     Mannheimer Morgen, 4. Juni 1974     

Ein "Requiem" von Aribert Reimann

Uraufführung mit Dietrich Fischer-Dieskau und Siegfried Palm in der Landauer Festhalle

   

Landau in der Pfalz hat seine anspruchsvolle Konzerttradition, und manches besondere musikalische Ereignis wurde hier schon zum Magneten - man erinnert sich zum Beispiel an eine der ersten Gelegenheiten, Mstislaw Rostropowitsch in der Bundesrepublik zu hören. So fehlte nun auch innerhalb der Veranstaltungen zum 700jährigen Bestehen Landaus der herausragende Konzertakzent nicht. Dem Berliner Aribert Reimann, auf den in unserem Raum zuletzt die Schwetzinger "Melusine"-Uraufführung (1971) verwiesen hat, erteilte die Stadt einen Kompositionsauftrag. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken unter Hans Zender sowie die Solisten Dietrich Fischer-Dieskau (Bariton) und Siegfried Palm (Violoncello) wurden gewonnen, das Werk im Konzertsaal der Festhalle aus der Taufe zu heben.

Es nennt sich "Wolkenloses Christfest" nach dem letzten von vier Gedichten aus Otfried Büthes "Sichel versäumter Stunden". Von Verlust und Tod und Ängsten künden die Worte: ein "Requiem" sieht Aribert Reimann in seinem Werk. Wir beobachten relativ häufig, wie zeitgenössische Komponisten Texte wählen, denen jene von Verlaine so nachdrücklich geforderte "Musik" fehlt. Büthes Gedichte gewinnen durch ihre schattenhaften Vision-en und durch ihr zerbrechliches Gedankengefüge: "Klang" lassen sie vermissen. Und von hier aus ist wohl die recht schlicht, oft im Sprechgesang oder mit Tonrepetitionen ansetzende Vokalstimme zu verstehen. Sie bleibt die Brücke zwischen Wort und Partitur, schenkt dem Text die neue Dimension, indem sie ihn deklamiert, unterjocht ihn aber nicht. Dietrich Fischer-Dieskau war ein idealer Interpret dieser hohen Kunst des Einfachen, deren Durchbrüche zur Melismatik im letzten Satz schließlich als kühnes Erobern erschienen.

Das eigentlich musikalische Pendant zur Dichtung präsentiert Reimann im Cellosolo. Mit einem Riesenvorrat der Formeln und der Assoziationen, die manchmal geradezu trotzig ihr Eigenrecht gegenüber der Dichtung unterstreichen und doch immer wieder die feinen Fäden erkennen lassen, die zusammenbinden. Nur selten wird Reflexion zur direkten Transposition, die Denkebene des Komponisten ist hier ganz primär die des Tönenden, des "sonare", und Siegfried Palm markierte das überlegen durch die Leuchtkraft seines Spiels, die geschäftige Unruhe ebenso zum weitgehend sprachunabhängigen Sinnträger macht wie lichte Aktion im Violinbereich, waghalsiges Flageolett, wimmerndes Glissando oder bescheidenes Zurücktreten am Schluß des Werks.

Reimanns Orchester bietet Bläser, diverses Schlagzeug, zwei Harfen, zehn Bratschen und sechs Kontrabässe auf. Im wesentlichen sind ihm Klangteppiche anvertraut. Auch dort, wo sich kräftige Nebenstränge und Ballungen zeigen, auch in den Ausbrüchen des Finale erkennt man dieses Erleben von weiten Ebenen - die zwar ihre Eigenstruktur besitzen, Impulse aber irgendwie doch von "außen her" empfangen. Reimann zeigt da eine raffiniert ausgehörte Instrumentation, die nur an einigen wenigen Stellen (dort nämlich, wo Exotisches anklingen will), aufgestockt erscheint. Das Publikum nahm das gut halbstündige Werk geradezu mit Begeisterung auf, und der anwesende Komponist mußte sich mehrfach für den Applaus bedanken.

Hans Zender leitete, wie gesagt, bei diesem Konzert das Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken. Über dem Komponisten Zender wird der Dirigent oft übersehen. Bot er bei Reimanns Werk eine sehr klangbewußte Orchestersprache, so ließen seine Beethovensche Coriolan-Ouvertüre und die Schumannsche "Frühlingssinfonie" nicht minder aufhorchen. Festliches, tiefer Ernst und bedeutungsschwere Gesten, die aber nie bedrängten, prägten die Partitur des siebenunddreißigjährigen Beethoven. Und fast von einer luftigen Serenade her nahm Zender Robert Schumanns Erste. Pulsierend und gelöst, mit knospenden Details, jugendfrischem Enthusiasmus und zarter Poesie ergab sich da ein vorsichtig koloriertes Bild von musikalischer Romantik. Zum Tanze rief man, Elfen und Gnomen meldeten sich zu Wort ... und der Nachbar Mendelssohn Bartholdy.

Werner Steger

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     Saarbrücker Zeitung, 8. Juni 1974     

Zum Stadtjubiläum ein Requiem

Aribert Reimanns "Wolkenloses Christfest" in Landau uraufgeführt

    

Die Stadt Landau hat wie nicht eben viele Städte gleicher Größenordnung eine lebendige Musiktradition. Es spricht für ihre ungewöhnliche Initiative, daß sie für die 700-Jahr-Feier der Stadt dem Berliner Komponisten Aribert Reimann einen Kompositionsauftrag erteilt hat, für ein Werk, das weniger auf Repräsentation als auf Besinnung gerichtet ist. Was er lieferte, ist kein hochgestimmter Hymnus, sondern ein Requiem, als Gedenken an frühere Generationen, die in Jahrhunderten das Bild dieser Stadt mitprägten, an Menschen, die, bedingt durch die Grenzlage in Kriegen starben, in den Zeitläufen litten.

Wie Karl Amadeus Hartmann in seiner Giraudoux-Kantate hat Reimann einen gedankenschweren, zeitgebundenen Text gewählt, vier Gedichte aus dem Band "Sichel verträumter Stunden" von dem früh verstorbenen Otfried Büthe. Es sind tief bewegende, von Resignation erfüllte, an Trakl gemahnende, dunkle Verse von großer Suggestivkraft: Stufe ins Nichts, Requiem, Liebende und Wolkenloses Christfest; das letzte Gedicht gab den Werktitel.

Die halbstündige Komposition für Bariton, Violoncello und großes Orchester, in dem die weicheren Instrumente, Hörner, Violinen und Celli fehlen, ist mehr noch als Reimanns Oper "Melusine" oder die Shelley-Kantate vom Atmosphärischen und Bildhaften bestimmt. Rhapsodisches dominiert im Vokalen wie im aufgespaltenen Orchester. Schwirrende Schichten enger Tonreibungen bewirken in oft improvisatorischen Feldern bedrängende Dichte, lichte Flageoletts werden plötzlich zu abgründigen Massierungen des schweren Blechs verwandelt, zu dröhnenden Schlagsätzen der Pauken, Bongos, Trommeln und des Tamtam.

Zwischen Rezitativischem blüht Melodisches auf, im bewegenden Gesang der Violen, in Kantilenen des Violoncellos. Nahezu unbegrenzte Klangfarbenphantasie tastet die Verse auf ihren Sinngehalt ab, deutet und konkretisiert sie, lichtet sie auf in zarten Linien des "Atemlos spür ich noch Duft deiner Hand" zu sprechender, ergreifender Stille.

Leidenschaftlicher ist das Finale mit liturgischen Einsprengseln gegen die Schrecken der Welt: "Kruzifixus advenit und Napalm" in harten Bläser- und Schlagwerk-Kumulationen. Doch über allem spannt sich der Gesang wie ein Rückspiegel, in statischen Rezitativen und ausgreifenden Linien, die auch Koloristisches einflechten wie in den Kantilenen des Violoncellos. Ihre Zwiegespräche lösen die Verse auf, ergreifend im leisen Hoffnungsschimmer des "Donobis pacem" (du wirst Frieden schenken), den das Cello mild verklingen läßt.

Die Aufführung dieses erschütternden Requiems war von bewundernswerter Vollkommenheit. Sie ist dem Bariton Dietrich Fischer-Dieskau und dem Cellisten Siegfried Palm im gleichen Maße zu danken wie dem Sinfonieorchester des Saarländischen Rundfunks unter dem souverän disponierenden, Ekstase und Stille deutenden Dirigenten Hans Zender. Der Komponist fand mit den Ausführenden einmütige Anerkennung für ein Werk, das manchem mit neuer Musik weniger vertrauten Hörer Ungewöhnliches zugemutet hatte.

G. A. Trumpff

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