Zum Konzert am 28. Juli 1974 in München


Süddeutsche Zeitung, Datum unbekannt

Eine Rossini-Rarität

Die "Petite Messe Solennelle" im Herkulessaal

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Kari Lövaas, Brigitte Fassbaender, Hermann Winkler (für den verhinderten Peter Schreier) und Dietrich Fischer-Dieskau bildeten vor dem leuchtkräftigen Klanghorizont des Doppelquartetts der aus Mitgliedern des Rundfunkchors gebildeten "Münchner Vokalsolisten" ein Soloquartett von idealer Homogenität, geistiger Präsenz und expressiver Eindringlichkeit (das herrlich ausdrucksgesättigte Duett "Qui tollis peccata mundi" der beiden Damen, Winklers "Domine Deus" voller Elan und Zartheit, Fischer-Dieskaus schier unerschöpfliche Varianten in der Deklamation "Tu solus Sanctus"). Wolfgang Sawallisch, Spiritus rector und Conductor perfectus, bestätigte, sekundiert von Hans Ludwig Hirsch (dem die "Wiederentdeckung" der Messe zu verdanken ist) am zweiten Klavier und von Reinhard Raffalt am Harmonium, seinen Ruf als ausgezeichneter Pianist. Keinen Augenblick klang es in der Aufführung nach "Klavierprobe" zu einem Werk, das eigentlich vom Orchester gespielt werden müßte, nach Reduktion oder Behelf. Der Pianist Sawallisch brachte ebenso wie der Dirigent Rossinis Intentionen zu ihrer vollen Klangwirklichkeit, und jenes das Offertorium vertretende Klaviersolo "Preludio religioso" wurde unter seinen Händen zu einem Spannungszentrum aller formenden, bekennenden (und auch zweifelnden) Kräfte, welche die Idee dieser "Petite Messe Solennelle" hervorgebracht hatten.

Im bis auf den letzten Stehplatz ausverkauften Herkulessaal gab es nach der Matinee am Sonntag einen Jubel und Ovationen wie sonst nur nach einem "ganz großen" Opernabend.

K. H. Ruppel

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     Neue Zürcher Zeitung, 6. August 1974     

Münchner Opernfestspiele

Mißglückter Fidelio - Bejubelte Rossini-Messe

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Zwei Tage nach diesem mißglückten "Fidelio", der jetzt im Natioonaltheater vielleicht über Jahre hinweg durchs Repertoire geschleppt werden muß, gab es, ebenfalls im Rahmen der Festspiele, in einem Matineekonzert eine Rarität, die einen Beifallssturm und Ovationen entfesselte, wie sie sonst nur an den sogenannten "ganz großen" Opernabenden ausbrechen: Die "Petite Messe Solennelle" von Rossini, weithin unbekannt geblieben bis zum vorigen Jahr, als sie in der Stiftskirche des oberbayerischen Barockklosters Baumburg in nahezu der gleichen Besetzung aufgeführt worden war, die jetzt in München die Hörer entzückte - mit den hervorragenden Solisten Kari Lövaas, Brigitte Fassbaender, Hermann Winkler und Dietrich Fischer-Dieskau, mit dem Doppelquartett der "Münchner Vokalsolisten" und Wolfgang Sawallisch am Solo-Klavier. Ja, am Klavier, nicht am Dirigentenpult; denn das gesamte Instrumentarium dieser 1864 unter des 72jährigen Komponisten eigener Leitung in Paris uraufgeführten Messe besteht aus zwei Klavieren und einem Harmonium - ob er, der alte Ironiker, deswegen das im übrigen alle Sätze des Ordinariums umfassende und länger als Beethovens "Missa Solemnis" dauernde Werk, sein Opus ultimum, im Titel "Petite" genannt hat? Rossini hat die Messe noch kurz vor seinem Tod für Orchester instrumentiert, aber ohne Zweifel entsprach die ursprüngliche Fassung mehr seinen Intentionen. Übrigens ist sie gar nicht so ein Unikum, wie es dem heutigen Hörer vorkommen mag; es gab in Frankreich seit 1820 schon eine Tradition für Messen, die nur von Orgel oder Klavier begleitet wurden - Gounod und sein Lehrer Lesueur haben Stücke dieser Art geschrieben.

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K. H. Ruppel

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     Bayerische Staatszeitung, 9. August 1974     

Glückliches Vergessen - Imagination "heile Welt"

Resümee eines Münchner Festspielsommers

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Münchner Erstaufführung

Zu den Sternstunden der Festspielzeit, außerhalb der Oper, aber zählte die Münchner Erstauffühung eines lange vergessenen Werks von Rossini: der "Petite Messe Solennelle" (für vier Solostimmen, kleinen Chor und Begleitung von zwei Klavieren und Harmonium), eine Schöpfung des 70jährigen Meisters, der einst als 24jähriger den "Barbier von Sevilla" geschrieben hatte. Eine erstaunliche und beglückende Komposition: erstaunlich als Zeugnis einer unverwelkten Frische und Eigenart der Erfindung wie als Dokumentation überlegener Beherrschung polyphoner Künste, beglückend als reintönige Aussage und Kundgebung eines fromm gebliebenen Herzens. Zum Glück der ersten Begegnung mit dieser (in ihrer instrumentalen Accompagnato-Form so merkwürdig "hausmusikalisch" privat anmutenden) Messe kam hier überdies noch die Freude an der makellosen Vollkommenheit der Wiedergabe, um die sich mit Wolfgang Sawallisch als Spiritus rector vom 1. Klavier aus die hervorragenden Solisten Kari Lövaas, Brigitte Fassbaender, Hermann Winkler und Fischer-Dieskau sowie das mit virtuoser Brillanz singende Doppelquartett der Münchner Vokalsolisten und, am Harmonium, Reinhard Raffalt, hochverdient machten.

Anton Würz

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     Schwäbische Zeitung, Leutkirch, 3. August 1974     

Ein kleines Juwel von Rossini

Die "Petite Messe Solennelle" prominent besetzt in München

    

In helles Entzücken wurde das Publikum im ausverkauften Herkulessaal der Münchner Residenz bei einer Matinee versetzt. Man war auf so viel Freude nicht vorbereitet, denn wer kennt schon dieses kleine Werk "Petite Messe Solennelle" von Gioacchino Rossini, das sakrale Vermächtnis des "letzten Klassikers", wie Rossini sich selbst nannte, dieses kammermusikalische Juwel, das sicher viel schwerer aufzuführen ist als das große "Stabat Mater".

Es ist eine für gemischtes Doppelquartett, vier Solisten, zwei Klaviere und Harmonium geschriebene Messe, hier in München in der Original- und wohl auch Idealbesetzung gegeben: das Vokalquartett Kari Lövaas. Brigitte Fassbaender, Hermann Winkler und Dietrich Fischer-Dieskau, akustisch umrahmt von den acht Münchner Vokalsolisten, einer ganz exzellenten Sängervereinigung, die bis zur letzten Feinheit des flexibelsten Ensemblegesangs von Hans Ludwig Hirsch vorbereitet worden war. Der Chorleiter spielte auch den Part des zweiten Klaviers, der vielseitige Literat Reinhard Raffalt das Harmonium, und Wolfgang Sawallisch hatte, vom ersten Klavier aus, die Gesamtleitung.

Sehr bald begriff das Publikum, was sich hier an Außergewöhnlichem abspielte. Die auf Sakralmusik eingestellten, ernsten Mienen der Besucher hellten sich auf, die Stimmung wurde immer fröhlicher, beschwingter bei diesem liebenswürdigen Werk, das wie ein heiteres "Verdi-Requiem von Franz Schubert" anmutete, in dem manchmal auch frappierend moderne, an Hugo Wolf erinnernde musikalische Gedanken und Figuren enthalten waren. In ihrer geistigen Substanz und künstlerischen Dichte war diese Aufführung für mich unzweifelhaft das Schönste von allen Münchner Festspielveranstaltungen dieses Jahres (wenn man vielleicht noch Mozarts "Titus" dazurechnet - "Meistersinger" und "Figaros Hochzeit" wurden ja heuer nicht gegeben). Wolfgang Sawallisch hat sich mit dieser Tat, wie er diese Messe leitete, vielleicht mehr in die Herzen mancher Münchner hineingespielt als mit der größten Strauss-Oper, und München begreift immer mehr, was es an diesem Mann hat.

Eckart Fricke


    

     "Oper und Konzert", München, 9/1974     

Herkulessaal

Rossini: Petite messe solennelle

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Absolute Formstrenge und ein Höchstmaß an Ausdruckskraft verband Dietrich Fischer-Dieskau in den bis auf einige forcierte und aufgeblähte Stellen prachtvoll gesungenen Baßsoli.

Hans Huber

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