DIETRICH FISCHER-DIESKAU

Die Stimme der Seele

von Bruno Monsaingeon

Dezember 1993. Ich bin zu Hause bei Dietrich Fischer-Dieskau in Berlin. Seit einigen Tagen prüfen wir zusammen alle audiovisuellen Aufnahmen von ihm, von denen er eine Videokassette besitzt. Eines Abends, sehr spät, zeigt er mir eine Fernsehaufnahme von Brahms’ Die schöne Magelone. In dieser Aufnahme hat er zwei Rollen: einerseits singt er die fünfzehn Romanzen der bemerkenswerten Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter der Provence und er spricht die Texte, die die Gedichte miteinander verbinden. Sein Auftritt als Schauspieler, d.h. seine Sprechstimme bzw. deren Modulation und Rhythmus, ist ebenso faszinierend, wie die Stimme des Sängers. Als Zugabe singt er Feldeinsamkeit, eines von Brahms’ Liedern Op. 86. Die Interpretation ist von derart vollendeter Schönheit, daß es mir schwer fällt, die Tränen zurückzuhalten. Ich stottere ein paar Floskeln, mit denen ich meinen Gefühlen Ausdruck verleihen möchte und sie gleichzeitig zu verbergen suche. Da er kein Mensch ist, der leicht oder unterkontrolliert seine Gefühle zeigt, unterbricht er mein Gemurmel: "Es ist nicht genug legato, ich hätte früher aufhören sollen."

Es ist jetzt genau ein Jahr her, seit Dietrich Fischer-Dieskau seine Sängerkarriere beendet hat – nach einem Galakonzert in der Münchner Oper am 31. Dezember 1992. Die Entscheidung traf er, so erzählt er mir, in der darauffolgenden Nacht – abrupt, endgültig und unwiderruflich.

In der Musik gibt es selten Künstler, die einen so tiefen Eindruck bei der Darbietung eines Stücks hinterlassen, daß sie damit identifiziert werden und die Partitur quasi ihren Namen trägt. Man denke beispielsweise an Glenn Gould und die Goldberg Variations, Maria Callas und Tosca, Elisabeth Schwarzkopf und Fiordiligi, Yehudi Menuhin und Bartóks Violinkonzert Nr. 2, Dinu Lipati und Bachs Erste Partita. Im Fall von Dietrich Fischer-Dieskau ist es das umfassende Gebiet des deutschen Liedes, dessen tiefgründigstes Innere er erforscht hat. Es ist ein Gebiet, das man nicht erwähnen kann, ohne nicht auch ihn zu nennen und dies wird zweifellos auch über die nächsten Generationen hinweg so sein. Er hat Tausende von Liedern aufgenommen, auch Französische, Russische und Skandinavische. Er hat auch mehr als hundert Opernrollen aller Epochen gesungen sowie zahllose Kantaten und Oratorien. Im Laufe einer ausnehmend langen und sorgfältig geplanten Karriere war er in den verschiedensten Genres gleichermaßen erfolgreich.

Es heißt, daß es schwierig sei, sich ihm zu nähern, daß er verschwiegen, geradezu scheu und unzugänglich sei, aber das sind genau die Widerstände, die ich an ihm eher faszinierend als enttäuschend finde. Aber bei unserem ersten Treffen auf professioneller Ebene begegnete ich einem Mann, der in der Tat reserviert war, aber doch offen und gerne eingehender über das ihm von mir vorgeschlagene Projekt zu sprechen bereit war. Aufgrund seines Kalibers schwebte mir ein großangelegtes Projekt vor, für dessen Verwirklichung mehrere Jahre notwendig sein würden. Im Laufe dieser Jahre würden wir ausreichend Zeit haben, um uns gut kennenzulernen. Das Ziel wäre letztendlich natürlich die Konzeption und Produktion eines monumentalen Filmporträts – der Gegenstand des vorliegenden Films –, eine weitreichende Retrospektive auf die Karriere des Sängers, die einem ein Bild der enormen Erfolge dieses großen Künstlers vermittelt.

Dietrich Fischer-Dieskau ist von Grund auf Künstler, ein Mann, der darauf bedacht ist, sein Werk und sein Privatleben zu schützen und dem deshalb eher oberflächliche und kurzlebige Ausdrucksformen, wie z.B. das Fernsehen, widerstreben. Das Erbe der Aufnahmen des produktivsten Sängers unserer Zeit ist natürlich enorm – man würde ein ganzes Buch, und das nicht gerade klein, benötigen, um eine detaillierte Liste seiner Aufnahmen zu erstellen. Seltsamerweise jedoch, oder vielleicht gerade wegen seiner großen Abneigung gegenüber der komplexen Logistik des filmischen Prozesses, gibt es nur sehr wenige Film- oder Fernsehaufnahmen seiner Interpretationen. Als wir zusammen zu arbeiten begannen, war sein möglicher Abschied von der Bühne noch nicht offen zur Sprache gekommen und die Stimme, die ich hörte, schien mir so geschmeidig und ergreifend wie je zuvor. Es schien, als ob der Mensch, dem diese Stimme gehörte, durch das leidenschaftliche erneute Lesen der großen Texte, die er sein Leben lang gekannt hatte, eine Art natürliche Spontaneität wiederentdeckte, die sich hinter den höchsten Stufen intelligenter Prämeditation verbirgt. Von da ab schlug er nicht mehr vor, daß wir inbrünstig diesen eindrucksvollen Texten lauschen sollten – er verkörperte sie ganz einfach!

Aus bereits durchgeführten Untersuchungen von Zeitdokumenten hatten wir viele Schätze und auch vieles von unglaublicher filmischer Banalität ausgegraben und auch Juwelen von frustrierend kurzer Lebensdauer. Darüber hinaus konnten wir dadurch eine vollständige Analyse der offensichtlichen Lücken im bestehenden, als Filmaufnahmen vorliegenden Repertoire des von uns zu porträtierenden Sängers durchführen. Im Laufe der folgenden Jahre versuchten wir daher diese Lücken zu schließen, indem wir einige der bedeutenderen Werke von Fischer-Dieskaus Repertoire verfilmten. Bei den Vorträgen, die speziell für dieses riesige Filmprojekt organisiert wurden, handelte es sich um zwei Schumann-Zyklen und ein Liederprogramm von Schubert in der Nürnberger Oper, mehrere Meisterklassen in Berlin, als auch Die Schöne Müllerin in Paris (im April 1992 der letzte öffentliche Auftritt des großen deutschen Baritons in dieser Stadt).

Sobald wir die Struktur dieser Programme festgelegt hatten, die nicht nur eine selbständige Dynamik besitzen, sondern als Grundlage für die Zeichnung des Porträts des Sängers dienen sollten, mußte ich mir überlegen, wie ich die Liedervorträge filmen würde. Auch wenn die mechanischen und manchmal geradezu heroischen Aspekte einer musikalischen Leistung das Objekt einer visuell faszinierenden Aufnahme sein können, liegt etwas in einer Stimme, das über den rein technisch-musikalischen Aspekt hinausgeht: die Einbeziehung der Gefühle, die beim Singen entstehen und die die Züge des Sängers erhellen. Meine Vorgehensweise mußte dies natürlich berücksichtigen. Wenn ich vor allem die Ausdruckskraft aufnehmen wollte, dann mußten die Verbindungen zwischen den einzelnen Aufnahmen und der Rhythmus, in dem sie hin- und herwechselten, unmerklich langsam sein. Darüber hinaus existiert eine spürbare Beziehung zwischen dem Sänger und seinem Begleiter, aber die natürliche Stellung des einen zum anderen ist für Kameraaufnahmen aufgrund der Bauweise von Konzerthallen und der Anwesenheit des Publikums nicht unbedingt ideal. Der Einsatz langer, ausgedehnter Auflösungen kann zu einem gewissen Grad das schwierige Problem, geeignete Winkeleinstellungen und ausreichend ausdruckskräftige Aufnahmen zu erzielen, lösen. Aber ich war darauf aus, mit einer Technik zu experimentieren, die meiner Meinung nach aufregende Resultate erzielen würde.

Im Laufe eines Schubert-Vortrags filmten wir eineinhalb Stunden Musik in einer einzigen Sequenz. Seltsamerweise ließ sich hierdurch das Problem der Darstellung der Beziehung des Sängers zum Begleiter lösen. So kann z.B. die Nahaufnahme des Gesichts des Sängers während eines Klavierpostludiums am Ende eines Liedes mehr zu dieser Beziehung aussagen, als der Schnitt zum Klavier, der die emotionale Kontinuität des Werks zerstört. Dietrich Fischer-Dieskau ist nicht nur ein Sänger, sondern auch ein phänomenaler Schauspieler: Während das Klavier das Lied allein zum Abschluß bringt, kann die kleinste Bewegung – ob einfach das leise Zucken der Augenbraue oder das Schließen der Augen – präzise die harmonische Struktur, die genaue rhythmische und emotionale Stimmung der Musik wiederspiegeln. Man ist sich seiner zwingenden Gegenwart bewußt, wenn er Stille interpretiert. Eine Kameraführung, die Ablenkung ablehnt, kann dabei einen Moment des Zaubers festhalten.

Anfang des Jahres 1993 erhielt ich ein kurzes Schreiben von Dietrich Fischer-Dieskau: „Der traurige Moment der Wahrheit ist gekommen: ab heute werde ich nicht mehr singen und ich werde alle meine öffentlichen Konzerte und Aufnahmetermine absagen. Wie Sie sich vorstellen können, ist dies keine leichte Entscheidung, aber nach 45 Jahren ununterbrochener Arbeit, bin ich jetzt fest entschlossen, diesem kategorischen Imperativ zu gehorchen."

Der wundervollste Sänger unseres Jahrhunderts hatte sich selbst das Schweigen auferlegt. Jetzt ist es Zeit, hinter dem großen Künstler den Menschen zu entdecken. Das vorliegende Porträt wurde in den darauffolgenden zwei Jahren gefilmt. Unter Verwendung der bereits von mir gemachten Aufnahmen und der noch zu filmenden (Konzerte und Proben als Dirigent, Meisterklassen, Arbeitsstunden mit seiner Frau, der vorzüglichen Julia Varady) sowie zusätzlichem Archivmaterial, das ich noch finden mußte, versuchte ich die Geschichte einer glänzenden Karriere zu ergründen, die durch diesen strahlenden, immer noch jung wirkenden Mann verkörpert wird. Diese Ergründung durch alle Genres wird uns bis hin zum goldenen Sonnenuntergang von Schuberts Abendrot führen, mit dem ich meinen Film zu beenden gedachte. Rein physische Ähnlichkeit war dabei nicht mein einziger Gedanke, wie z.B. bei vielen Malern. Ein Porträt muß noch etwas mehr vermitteln: die geistige Anziehungskraft, die aus dem Inneren kommt.

Bruno Monsaingeon

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